Eric Naville

Gedanken im Kreis der zwölf Weltanschauungen

Suche

Ding und Begriff

9. Juli 2026

Es gibt einen Schnitt, der durch die ganze Physik geht, und er ist so einfach, dass man ihn übersieht: Ein Ding zeigt man, einen Begriff definiert man. Auf den Stein deute ich und nenne ihn; die Gerechtigkeit dagegen kann ich nur umschreiben, denn sie hat keine Gestalt, auf die sich zeigen liesse. Bill Gaede, ein argentinischer Ingenieur, der seine Kritik der Physik seit Jahrzehnten abseits der Universitäten veröffentlicht, hat aus diesem Schnitt ein Werkzeug gemacht und die Grundworte der Physik daran gelegt. Sein Befund eröffnet hier eine Reihe: Die Physik deute nicht auf Dinge – sie definiere nur noch Begriffe und halte das Rechnen mit ihnen für die Wissenschaft vom Stoff. Der Ort dieser Reihe im Kreis ist die Art I des Materialismus; zur Prüfung steht der Stoff selbst und die Selbstsicherheit des Wortes „Physik".1

Zwei Sorten Wörter

Gaedes ganze Kritik ruht auf einer Zweiteilung. Jedes Wort des Wörterbuchs, sagt er, benennt entweder ein Objekt oder einen Begriff; ein Drittes gibt es für die Physik nicht. Ein Objekt ist ihm „that which has shape" – ein Ding an einem Ort. Ein Begriff ist „the relationship between two or more objects", und Beziehungen haben keine Gestalt. „There is no third category for the purposes of Physics."2 Aus der Zweiteilung folgt eine schroffe Regel. Ein Objekt wird nicht erklärt, es wird vorgezeigt: „Objects, we illustrate. Concepts, we define." Den Tisch definiere niemand – „we point and utter a sound", man deutet hin und gibt einen Laut von sich. Nur das Gestaltlose muss definiert werden, weil man auf nichts zeigen kann. Und eine Theorie, die ihren Namen verdient, muss sich zeigen lassen wie ein Film: „He who cannot make a motion picture of his theory is not doing Physics."3

Ein Wort zur Herkunft dieses Verdachts, denn sie gehört zur Ehrlichkeit. Gaede ist Autodidakt, ohne belegten Abschluss; er veröffentlicht seine Physik im Selbstverlag und auf offenen Ablagen, und die Fachphysik nimmt sie nicht zur Kenntnis – weder zustimmend noch widerlegend. Seine eigene Gegenlehre, die „Rope Hypothesis" – das Licht als Drehung entlang eines fadenförmigen Gebildes –, ist die seine, ist umstritten und bleibt hier draussen. All das entscheidet nichts über den Schnitt. Ein Begriff ist zirkulär, oder er ist es nicht; und ob ein Ingenieur aus Buenos Aires das zeigt oder ein Nobelpreisträger, ändert an der Zeichnung nichts.

Der Magier, der Eigenschaften zu Dingen macht

Gaedes Kernbefund ist eine einzige Bewegung, immer dieselbe: Die mathematische Physik nehme das Gestaltlose und mache ein Ding daraus, um dann mit ihm zu rechnen wie mit Steinen. Sie verwandle Verhältnisse in Gegenstände, Verhalten in Substanz. In seinem Buch hat er die Bewegung in ein Bild gefasst:

„A mathematician is a magician who converts adjectives into nouns: continuous into continuum, infinite into infinity, infinitesimal into location, 0D into point, 1D into line, curved into geodesic."

– Bill Gaede, Why God Doesn't Exist

Das Adjektiv stetig wird zum Ding Kontinuum, das Adjektiv unendlich zum Ding Unendlichkeit – und mit diesen Dingen, die keine sind, treibe man dann Physik. Wer die Wörter so behandelt, sei kein Physiker, sondern, mit Gaedes eigener Wortmarke, ein „mathemagician".4 Und er benennt das Ergebnis grob und ohne Umschweife: „Mathematical Physics is for the most part irrational … If we are going to invoke magic or an unfathomable agent or process, then we can explain absolutely anything and understand absolutely nothing." Nicht das Übernatürliche wirft er der Physik vor – das wäre gewöhnliche Religion –, sondern das Irrationale in seinem eigenen Sinn – das nicht Vorstellbare, das sich nicht zeichnen lässt und sich doch als Wissenschaft gibt: „This religion is known as Mathematical Physics, an irrational discipline."5

Der Musterfall ist die Energie, und hier hört der Einwand auf, Aussenseiterei zu sein. Die übliche Definition – Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten – erklärt Energie durch Arbeit; schlägt man Arbeit nach, ist sie die von einer Kraft übertragene Energie. Der Kreis schliesst sich, ohne dass ein Ding benannt wäre. Der freimütigste Zeuge dafür ist die Physik selbst: Richard Feynman schreibt in seinen Lectures den Satz, der alles vorwegnimmt – „in physics today, we have no knowledge of what energy is" –, und die Buchhaltung der Energieerhaltung fasst er in vier Worte: „there are no blocks", es gibt keine Klötzchen, die da gezählt würden.6 Was bei der Energie sichtbar wird, schliesst sich, wie die folgenden Blicke zeigen, ebenso bei Masse, Feld, Kraft und Zeit: fünf Wörter, fünf Kreise, kein Ding.

Die lange Reihe der Zeugen

Man könnte Gaedes Sätze für die Polemik eines Aussenstehenden halten – hätte nicht die erste Garde der Physik denselben Zirkel verzeichnet, ruhiger und genauer als er. Die Reihe ist lang und ehrwürdig. Am Anfang steht Ernst Mach. Newtons Definition der Masse – Volumen mal Dichte – zerfällt bei der ersten Nachfrage: „Da wir die Dichte doch nur definiren können, als die Masse der Volumseinheit, so ist der Cirkel offenbar." Machs eigener Ausweg ist eine Messvorschrift, die ausdrücklich „nur ein thatsächliches Verhältniss" benennt, kein Ding.7 Heinrich Hertz zog die Konsequenz für die Theorie selbst und prägte den Satz, der die ganze Frage in einen Punkt sammelt: „Die Maxwell'sche Theorie ist das System der Maxwell'schen Gleichungen." Hinter den Gleichungen stehe kein weiter zu zeigender Mechanismus; das anschauliche Bild sei „nicht Maxwells Theorie".8 Henri Poincaré liess 1902 Kraft und Masse einander definieren – Kraft sei Masse mal Beschleunigung, warum dann nicht Masse gleich Kraft durch Beschleunigung? – und schloss: „These difficulties are insurmountable." Und er sagte von der Masse rundheraus, sie sei am Ende nur ein Rechenbehelf, „coefficients qu'il est commode d'introduire dans les calculs".9 Vier Jahre später zog Pierre Duhem die Summe: Eine physikalische Theorie „n'est pas une explication. C'est un système de propositions mathématiques" – keine Erklärung, ein System mathematischer Sätze, das die Erscheinungen ordnet und nichts über das behauptet, was hinter ihnen sei.10 Was bei Mach und Poincaré Diagnose war, machte Percy Bridgman 1927 zum Programm: „the concept is synonymous with the corresponding set of operations" – ein Begriff ist das Bündel von Messhandlungen, mit denen man ihn bestimmt, mehr nicht.11

Diese Zeugen stehen hier nicht, um Gaede glaubwürdig zu machen; seine Vorführung steht für sich. Sie stehen hier, weil der Befund so schlicht ist, dass die Zunft ihn selbst ausspricht. Der Unterschied zwischen ihnen und Gaede ist keiner der Beobachtung, sondern der Wertung: Mach, Poincaré, Duhem verzeichnen dieselbe Abkopplung des Wortes vom Ding wie er – nur nehmen sie sie als die Bauart der Physik hin, während er in ihr einen Verlust sieht. Über diese Wertung, und nur über sie, wird zu reden sein.

Der Schnitt reicht bis auf den Grund

Denn der Schnitt macht vor dem nicht halt, der ihn führt. Gaedes eigene Grundworte – Abstand, Ort, Bewegung – sind nach seiner eigenen Liste selbst Verhältnisse: der Abstand eine Trennung zwischen zwei Objekten, der Ort die Menge der Abstände, die Bewegung mehrere Orte eines Objekts. Gestaltlos jedes für sich. Am Grund bleibt allein die Gestalt; und ob die Gestalt ein Ding ist oder auch nur ein Verhältnis – die Beziehung eines Objekts zu seinen Rändern –, ist die härteste Frage der ganzen Reihe. Das widerlegt Gaedes Vorführung nicht; es zeigt, wie tief sie reicht. Vielleicht gibt es am Grund kein reines Ding mehr, auf das sich zeigen liesse; dann hätte er, gegen die eigene Absicht, den Materialismus an seiner Wurzel getroffen – und die Frage, ob der Stoff selbst noch eine Gestalt hat, stünde schärfer da als je.

Damit ist auch gesagt, warum am Anfang eine Reihe steht und kein Urteil. Der Zweifel lässt sich nicht in einem Satz erledigen, und die grosse Wertung – ist eine Physik der reinen Beziehungen eine Aushöhlung, oder die Reife einer Wissenschaft, die gelernt hat, dass die Welt aus Verhältnissen besteht? – lässt sich nicht vorab entscheiden. Sie muss Gebiet für Gebiet begangen werden: die Mechanik, das Feld, die Relativität, die Kosmologie, die Quanten, und an jedem Ort die Vorführung, dass das Wort sein Ding verloren hat. Was am Ende übrig bleiben soll, ist nicht der Abriss der Physik, sondern ein Materialismus, der seine Rechengrössen nicht länger für Klötzchen hält – einer, der weiss, welche seiner Worte zeigen und welche nur rechnen. Ob der Stoff selbst am Ende noch eine Gestalt hat, auf die sich deuten liesse, lässt diese Reihe offen. Sie muss es.

Quellen

  1. Zum Bild der zwölf Weltanschauungen und zum „Mathematizismus" (der Weltanschauung, „die eigentlich nichts gelten läßt als die mathematische Formel"): Rudolf Steiner, Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151 (Berlin 1914). GA 151 dient hier als Ordnungslinse, nicht als Sachquelle; die Zuordnung ist eigene Deutung.
  2. Bill Gaede, „MPEU" („All words in the dictionary … either objects or concepts. There is no third category for the purposes of Physics"; „object: that which has shape") – youstupidrelativist.com/MPEU.html, [direkt]. „concept: the relationship between two or more objects" nach der Methoden-Ausformulierung der „Rational Science"-Bewegung (rationalsciencemethod.blogspot.com, von „Mike H", nicht Gaede – als Gemeinschafts-Fassung geführt). Die vollen Demonstrationen an den fünf Grundworten: „Die Physikdefinitionen des William Gaede" (nächster Teil dieser Reihe).
  3. Bill Gaede, „MPEU" („Objects, we illustrate. Concepts, we define. … We point and utter a sound"; „The language of Physics is ILLUSTRATION! He who cannot make a motion picture of his theory is not doing Physics!") – youstupidrelativist.com/MPEU.html, [direkt].
  4. Das Bild „A mathematician is a magician who converts adjectives into nouns …" stammt aus Gaedes Buch Why God Doesn't Exist (breit belegt, u. a. über die Goodreads-Autorenseite mit Werk-Zuschreibung; nicht auf den freien Webseiten lokalisiert – als Buch-Zitat geführt). Die Wortmarke „mathemagician" steht wörtlich auf MPhyz („put in the dictionaries … by mathemagicians and not by physicists"), [direkt].
  5. Bill Gaede, „Science and Religion" („Mathematical Physics is for the most part irrational"; „If we are going to invoke magic … understand absolutely nothing") – youstupidrelativist.com/02Sci/03SciRel.html; „an irrational discipline" aus „Mathematical Physics is a religion" (nach Why God Doesn't Exist, …/01Math/09MathPhyz/00SumLang.html), [direkt].
  6. Der Energie/Arbeit-Zirkel bei Gaede: „Energy" (…/02Sci/07Words/01Energy.html, [direkt]). Richard P. Feynman, Robert B. Leighton, Matthew Sands: The Feynman Lectures on Physics, Bd. I, Kap. 4 „Conservation of Energy", Abschn. 4–1 („there are no blocks"; „no knowledge of what energy is"), [direkt].
  7. Ernst Mach: Die Mechanik in ihrer Entwickelung, 3. Aufl., Leipzig 1897, S. 188 („der Cirkel offenbar") und S. 211 f. („nur ein thatsächliches Verhältniss"); Erstauflage 1883.
  8. Heinrich Hertz: Untersuchungen über die Ausbreitung der elektrischen Kraft, Leipzig 1892, Einleitung, S. 23 („Die Maxwell'sche Theorie ist das System der Maxwell'schen Gleichungen"; das anschauliche Bild sei „nicht Maxwells Theorie").
  9. Henri Poincaré: Science and Hypothesis, London 1905 (frz. Original 1902), Kap. VI, S. 97 f. („These difficulties are insurmountable") und zur Masse als „coefficients qu'il est commode d'introduire dans les calculs". Deutsche Wiedergaben: eigene Übersetzungen.
  10. Pierre Duhem: La théorie physique, son objet et sa structure (Paris 1906) – „Une théorie physique n'est pas une explication. C'est un système de propositions mathématiques". Deutsche Wiedergabe: eigene Übersetzung.
  11. Percy W. Bridgman, The Logic of Modern Physics (New York 1927), S. 5 („the concept is synonymous with the corresponding set of operations"), zitiert nach Hasok Chang, „Operationalism", Stanford Encyclopedia of Philosophy; als Bedeutungslehre gilt der Operationalismus längst als gescheitert, als stillschweigende Praxis der Physik lebt er fort.

Zur Arbeitsweise: Gaedes Sätze sind aus seinen eigenen frei zugänglichen Seiten im Original gelesen (youstupidrelativist.com, [direkt], Abruf 2026-07-10) und in seiner Schreibung wiedergegeben; die deutschen Fassungen sind eigene Übersetzungen. Zwei Zuordnungen sind vermerkt: Das Magier-Bild ist ein Zitat aus dem Buch Why God Doesn't Exist, nicht von den Webseiten (Anm. 4); der Methodentext „The Rational Scientific Method" stammt von „Mike H", nicht von Gaede (Anm. 2). Mach, Hertz, Poincaré, Duhem und Bridgman sind in ihren Ausgaben bzw. – Bridgman – nach dem SEP-Artikel nachgesehen; sie ziehen aus dem Befund nicht Gaedes Wertung, verzeichnen aber denselben Zirkel. Gaedes Rope Hypothesis bleibt aussen vor; sein Status als „Physicist" ist Selbstauskunft ohne belegten Abschluss. Über die Definitionen entscheidet nichts davon.