Die Mechanik
9. Juli 2026
Ein Ding zeigt man, einen Begriff umschreibt man — auf den Stein deutet man mit dem Finger, die Beziehung dagegen lässt sich nur festsetzen, denn sie hat keine Gestalt. Legt man diesen Schnitt an die Mechanik, das älteste und scheinbar sicherste Gebiet der Physik, so treten ihre vier Grundworte zur Prüfung an: Kraft, Masse, Trägheit, Energie. Sind das Dinge, auf die sich deuten liesse, oder Begriffe, die man nur definieren kann? Bill Gaede, der argentinische Ingenieur, dessen Kritik diese Reihe verfolgt, antwortet, so weit er sie behandelt: kein Ding, das man zeigen könnte. Die Mechanik rechne mit ihnen wie mit Steinen und habe darüber vergessen, dass keines von ihnen eine Gestalt besitzt, die man vorzeigen könnte. Der Ort dieser Prüfung im Kreis ist die Art I des Materialismus; auf dem Prüftisch liegt der Stoff selbst und die Frage, ob die Wissenschaft, die ihn beansprucht, ihn noch berührt.
Gaedes Forderung ist einfach: Eine Theorie müsse das physische Objekt zeigen, von dem sie handelt. „Eine wissenschaftliche Theorie verlangt zwingend ein physisches Objekt“ (‚A scientific theory absolutely requires a physical object‘). Die Kraft aber sei keines: nicht der Baseballschläger, sondern das, was der Schläger dem Ball antut (‚Force is not the baseball bat, but rather what the baseball bat does to a ball‘) — ein Tun, kein Ding. Von der Masse sagt er, die Mathematiker hätten „nicht die leiseste Ahnung, was Masse ist“ (‚mathematicians don’t have the slightest clue what mass is‘); von der Energie, man könne „kein Bild der Energie zeichnen“ (‚you cannot draw a picture of energy‘).1 Vier Worte, kein einziges Bild. Man kann das für die Übertreibung eines Aussenstehenden halten. Es lohnt sich, statt dessen jedem der vier nachzugehen — denn an jedem hat die erste Garde der Physik selbst gerührt, ruhiger als Gaede und genauer.
Die Kraft und der Zirkel
Am Anfang steht die berühmteste Gleichung der Mechanik, F = ma: Kraft gleich Masse mal Beschleunigung. Fragt man, was die Kraft sei, so lautet die Antwort: Masse mal Beschleunigung. Fragt man, was die Masse sei, so lautet sie: Kraft geteilt durch Beschleunigung. Die beiden lehnen sich aneinander, und keines steht auf eigenem Grund — Poincaré hatte diesen wechselseitigen Griff für unentrinnbar erklärt. Ein Zirkel, ein Rechnen mit zwei Unbekannten, von denen keine je gezeigt wird.
Man muss der Genauigkeit halber einen Irrtum ausräumen: Newton hat F = ma nie geschrieben. Sein zweites Gesetz spricht nicht von der Beschleunigung, sondern von der Änderung der Bewegungsgrösse — dessen, was wir heute Impuls nennen.
„Lex II. Mutationem motus proportionalem esse vi motrici impressæ, & fieri secundum lineam rectam qua vis illa imprimitur.“
„Die Änderung der Bewegung ist der eingedrückten bewegenden Kraft proportional und geschieht längs der geraden Linie, in der jene Kraft eingedrückt wird.“
– Isaac Newton
Die Gleichung F = ma ist eine spätere, lehrbuchgewordene Umformung aus dem achtzehnten Jahrhundert. Und schon bei Newton ist die Kraft grammatisch keine Sache: Sie ist eine „auf einen Körper ausgeübte Handlung“ (lat. „actio in corpus exercita“), die Trägheit ein „Vermögen des Widerstehens“ (lat. „potentia resistendi“).2 Handlung und Vermögen — Tätigkeit und Anlage, nicht gestalttragende Körper. Wer schärfer hinsieht, findet den Zirkel also nicht erst bei den Kritikern, sondern im Fundament. Kirchhoff zog daraus 1876 den kühlen Schluss, die Mechanik habe Bewegungen nur zu beschreiben, nicht zu erklären, und die Kraft sei schlicht als ma definiert. Nimmt man das ernst, so hört Newtons Gesetz auf, ein Erfahrungssatz zu sein, und wird zur blossen Wortfestsetzung. Genau hier sitzt Gaedes Vorwurf.
Denselben Zirkel spricht Richard Feynman offen aus — kein Gegner Gaedes, sondern einer der Physik selbst. Fände man ein Grundgesetz, das die Kraft dem Produkt ma gleichsetzt, und definierte dann die Kraft als dieses Produkt, so habe man nichts herausgefunden; es seien „Definitionen, die sich im Kreis drehen“ (‚definitions going in a circle‘):
“If we have discovered a fundamental law, which asserts that the force is equal to the mass times the acceleration, and then define the force to be the mass times the acceleration, we have found out nothing. … Now such things certainly cannot be the content of physics, because they are definitions going in a circle.”
– Richard Feynman
So weit trägt der Zirkel, und Feynman gibt ihn zu: F = ma für sich allein ist leer, und „aus einer Definition lässt sich keinerlei Vorhersage gewinnen“ (‚no prediction whatsoever can be made from a definition‘). Feynman selbst liest die Sache weiter: Die Kraft sei mehr als das Schema, sie habe „unabhängige Eigenschaften“ (‚independent properties‘) — das Gravitationsgesetz, das Federgesetz, jedes für sich ein eigenständiges, widerlegbares Naturgesetz — und, fast in Gaedes eigenen Worten, „einen materiellen Ursprung, und das ist nicht bloss eine Definition“ (‚a material origin, and this is not just a definition‘).3
Hier scheiden sich nicht die Beobachtungen, sondern die Wertungen. Gaede und Feynman sehen denselben leeren Zirkel; Gaede schliesst, wo sich kein Bild zeichnen lässt, sei kein Objekt, und die Physik habe den Boden unter den Füssen verloren; Feynman hält den materiellen Ursprung fest, ohne ihn zeichnen zu können, und behält die Mathematik. Zeige das physische Etwas, aus dem die Kraft entspringt: Gaedes Frage bleibt an beide gerichtet, und sie ist der Angelpunkt, um den sich alles Weitere dreht.
Die Masse: ein benanntes Verhältnis
Newton bestimmt die Masse als „Mass der Materie … entspringend aus ihrer Dichte und Grösse zusammengenommen“ (lat. „mensura … orta ex illius densitate et magnitudine conjunctim“)2 — Masse gleich Dichte mal Volumen. Aber die Dichte ist Masse je Volumen; die Erklärung dreht sich im Kreis und kehrt zur Masse zurück, die sie erklären sollte. Ernst Mach hat diesen Zirkel als Erster blossgelegt und an seine Stelle etwas gesetzt, das ohne verstecktes Vorwissen auskommt: die Masse als reines Verhältnis, abgelesen an den Beschleunigungen, die zwei Körper einander erteilen.
„Körper von gleicher Masse nennen wir solche, welche aufeinander wirkend sich gleiche entgegengesetzte Beschleunigungen ertheilen.“
– Ernst Mach
Damit sei, hält Mach fest, „nur ein thatsächliches Verhältniss benannt“ — kein Stoffquantum, keine Wesenheit, sondern eine gemessene Beziehung, die man mit einem Namen belegt.4 Die Masse ist bei Mach ein Begriff im strengen Sinn Gaedes: eine Relation zwischen Körpern, nicht ein Körper. Und doch trägt dieses benannte Verhältnis eine Merkwürdigkeit, an der sich die Geister scheiden.
Denn „Masse“ trägt in der Mechanik zwei ganz verschiedene Rollen. Die eine ist die träge Masse — der Widerstand gegen Beschleunigung, das m in Newtons Gleichung. Die andere ist die schwere Masse — die Ladung, mit der ein Körper die Schwerkraft erzeugt und erfährt. Nichts von vornherein verlangt, dass diese beiden Zahlen übereinstimmen; es könnte ein Körper leicht zu beschleunigen und dennoch schwer sein. Und doch stimmen sie überein, mit einer Genauigkeit, die den Atem nimmt. Newton selbst prüfte es mit Pendeln aus Gold, Silber, Blei, Glas, Sand, Salz, Holz, Wasser und Weizen, die alle gleich schnell schwingen; Eötvös trieb die Grenze mit der Drehwaage weiter, und die Satellitenmission MICROSCOPE zeigte 2022, dass träge und schwere Masse bis auf etwa ein Teil in tausend Billionen — η ≈ 10−15 — dieselbe Zahl sind.5 Was als „bequemer Koeffizient“ (Poincaré) begann, ist durch eine der bestgeprüften Tatsachen der ganzen Physik gebunden. Die Masse mag ein benanntes Verhältnis sein; willkürlich ist sie nicht.
Diese Gleichheit trägt eine doppelte Deutung, und beide leben von derselben Tatsache. Weil träge gleich schwere Masse ist, fällt die Masse aus der Bewegungsgleichung im Schwerefeld heraus: Alle Körper fallen gleich, unabhängig von ihrem Stoff. Einstein liest das als Wink, die Schwerkraft überhaupt nicht als Kraft, sondern als Krümmung der Raumzeit zu fassen — der Triumph der allgemeinen Relativitätstheorie. Wer zuerst ein Ding sehen will, liest sie umgekehrt: Der physische Mechanismus verdampfe in eine Rechenfigur, die „Ursache“ Schwerkraft werde zur Geometrie und lasse kein Ding mehr übrig, auf das sich deuten liesse. Was dem einen die Reife der Physik ist, ist dem andern ihr Verlust. Das Gebiet zwingt hier zu keiner Entscheidung; es zeigt nur, dass beide dasselbe sehen und verschieden werten.
Die Trägheit und die fernen Sterne
Newtons Trägheit ruht auf einem Grund, den die spätere Kritik gerade angreift: dem absoluten Raum und der absoluten Zeit. Die Zeit „fliesst gleichförmig, ohne Beziehung auf irgendetwas Äusseres“ (lat. „æquabiliter fluit … absque relatione ad externum quodvis“), der Raum „bleibt stets gleich und unbeweglich“ (lat. „semper manet similare & immobile“).2 Sein Beweis dafür ist ein einziger, berühmter Versuch: der Eimer. Man hängt einen Eimer Wasser an einer verdrillten Schnur auf und lässt ihn sich abdrehen. Anfangs dreht sich der Eimer, das Wasser noch nicht — die Oberfläche bleibt eben. Erst wenn Wasser und Wände gemeinsam kreisen, also relativ zueinander ruhen, steigt das Wasser an den Wänden empor und „nimmt eine hohle Gestalt an“ (lat. „figuram concavam induens“). Die Wölbung hängt also nicht an einer Bewegung des Wassers gegen die Wände; sie verrät, so Newton, die wahre Drehung gegen den absoluten Raum selbst.
Mach hält dem eine nüchterne Frage entgegen. Der Versuch zeige gar nichts über einen leeren Raum — er zeige nur, wogegen sich das Wasser dreht:
„Der Versuch Newton’s mit dem rotirenden Wassergefäß lehrt nur, daß die Relativdrehung des Wassers gegen die Gefäßwände keine merklichen Centrifugalkräfte weckt, daß dieselben aber durch die Relativdrehung gegen die Masse der Erde und die übrigen Himmelskörper geweckt werden.“
– Ernst Mach
Niemand könne sagen, fügt Mach hinzu, wie der Versuch verliefe, wenn die Wände immer dicker würden, „zuletzt mehrere Meilen dick“. Das Weltsystem sei uns nur einmal gegeben, nicht zweimal — einmal mit ruhender, einmal mit gedrehter Erde. Darum sei die absolute Zeit „ein müßiger ‚metaphysischer‘ Begriff“, und die Newton’sche Unterscheidung zwischen wahrer und relativer Drehung „eine Illusion“.4 Die Trägheit ist bei Mach kein Widerstand gegen den leeren Raum, sondern eine Beziehung auf alle übrigen Massen des Weltalls, die fernen Fixsterne. Einstein taufte diesen Gedanken 1918 das Machsche Prinzip, und er hat ihn zur allgemeinen Relativitätstheorie geführt. Auch hier löst sich ein vermeintliches Ding in eine Beziehung auf — Machs Trägheit in den fernen Massen; Gaedes Schnitt an der Kraft findet darin seine ruhigere Entsprechung.
Nur ist an dieser Stelle gegen die eigene Seite ehrlich zu sein. Machs relationale Mechanik hat Einstein nachweislich beflügelt — aber die Relativitätstheorie hat das Machsche Prinzip nicht voll eingelöst. Sie kennt Lösungen mit wohlbestimmter Trägheit ganz ohne ferne Massen; die Trägheitsstruktur steckt dann im Feld selbst, nicht in den Sternen. Einstein rückte später vom Prinzip ab. Der Lense-Thirring-Effekt — mitgeschleppte Bezugssysteme rotierender Massen, gemessen 2011 von der Sonde Gravity Probe B — ist eine teilweise Machsche Wirkung, keine volle Einlösung.10 Newtons Eimer ist nicht widerlegt; der Streit zwischen absolutem und relationalem Raum steht bis heute offen. Wer Mach hier zum Sieger erklärt, verschweigt den Rest.
Die Energie, die niemand wog
Bei der Energie erzählt die Geschichte selbst, wie wenig Ding im Wort steckt. Im siebzehnten Jahrhundert stritten die Gelehrten, welche Grösse in der Bewegung erhalten bleibe. Descartes hielt es für die „Bewegungsgrösse“, das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (m·v). Leibniz wies 1686 in einer knappen Schrift — ihr Titel kündigt schon den Streit an, ein „Kurzer Beweis eines denkwürdigen Irrtums des Descartes“ — nach, dass die wirksame Grösse nicht wie m·v, sondern wie m·v² gehe; er nannte sie die vis viva, die lebendige Kraft. Ein halbes Jahrhundert später löste d’Alembert 1743 den Streit auf die überraschendste Weise: Beide hatten recht. Der Impuls (m·v, gerichtet) bleibt erhalten und die vis viva (m·v²). Es gab nie die eine „Menge Bewegung“, sondern zwei verschiedene erhaltene Rechengrössen.6
Und das Wort? „Energie“ ist jung. Thomas Young gab ihm 1807 seinen heutigen Sinn; Coriolis fügte um 1829 den Faktor ½ hinzu, Rankine prägte „potentielle“, Kelvin „kinetische“ Energie. Eine Grösse, die erst 1807 einen Namen bekam und aus einem Streit darüber hervorging, was man überhaupt zählen solle — das ist keine Substanz, die man aus einem Gefäss ins andere giesst, sondern eine Bilanz, eine Buchhaltungsgrösse. So weit trägt Gaedes Beobachtung: Man kann kein Bild der Energie zeichnen, also ist sie kein Ding.
Doch die Buchhaltung ist keine Willkür. Emmy Noether zeigte 1918, dass jeder Erhaltungssatz an einer Symmetrie hängt: Die Energie ist genau die Grösse, die erhalten bleibt, weil die Naturgesetze sich in der Zeit nicht ändern; der Impuls, weil sie sich im Raum nicht ändern.7 Der alte Streit m·v gegen m·v² löst sich auf, weil beide Symmetrien bestehen und darum beide Grössen erhalten sind. Als Struktur ist die Energie damit genau bestimmt — und bleibt doch ohne Gewicht. Man kennt sie als Bilanz und kann sie nicht wägen. Genau dieser Doppelbefund ist es, den der Kritiker und der Physiker teilen und entgegengesetzt lesen.
Der Punkt, der Masse trägt
Bleibt der stille Held der ganzen Mechanik: der Massenpunkt. Die Rechnung denkt sich die ganze Masse eines Körpers in einem einzigen geometrischen Punkt vereinigt und lässt diesen Punkt fallen, kreisen, stossen. Ein geometrischer Punkt aber ist null-dimensional. Euklid bestimmt ihn im ersten Satz seiner Elemente als das, „was keinen Teil hat“ (griech. „σημεῖόν ἐστιν, οὗ μέρος οὐθέν“, Umschrift sēmeîón esti, hoû méros outhén).8 Keine Ausdehnung, keine Gestalt — nach Gaedes Massstab also kein Objekt. Und doch trägt dieser gestaltlose Punkt Masse, Impuls und Ort. Das Grundelement der Punktmechanik ist mithin genau der Zwitter, den Gaede jagt: ein Begriff im Gewand eines Dinges.
Wie tief dieser Zwitter reicht, zeigt ein selten genannter Denker: der Ragusäer Roger Joseph Boscovich. In seiner Theoria philosophiae naturalis von 1758 baute er die ganze Physik auf puncta — einfache, unteilbare, ausdehnungslose Punkte, die nur Trägheit besitzen und als Kraftzentren wirken. Aus einem einzigen Kraftgesetz zwischen diesen Punkten sollten alle Erscheinungen folgen: Schwere, Undurchdringlichkeit, Zusammenhalt, Chemie. Boscovichs Grundmaterie ist buchstäblich null-dimensional und mit Kraft begabt — der Objekt-Begriff-Zwitter zum Bauplan der Welt erhoben, zweihundert Jahre vor den Punktteilchen der heutigen Physik.9
Die klassische Mechanik hat darauf eine ruhige Antwort, und sie ist keine Ausrede. Der Massenpunkt ist keine Behauptung, Körper seien ausdehnungslos; er ist eine erlaubte Vereinfachung, und ihr Kern ist ein exakter Satz. Der Schwerpunktsatz besagt: Der Massenmittelpunkt eines ausgedehnten Körpers bewegt sich genau so, als sässe die ganze Masse in ihm und griffen dort alle äusseren Kräfte an. Die Vereinfachung wird, wo sie nicht mehr genügt, systematisch zurückgenommen — zum starren Körper, zum Kontinuum, zur feineren Entwicklung. So gelesen ist der Massenpunkt eine jederzeit auflösbare Abstraktion, nicht die Behauptung eines gestaltlosen Dings. Gaedes Frage aber, was denn das wahre null-dimensionale Teilchen sei, wenn es eines gibt, zielt weiter, in die Quantenwelt — und dort lässt die Abstraktion sich nicht mehr so leicht zurücknehmen. Das ist ein eigenes, späteres Gebiet.
Die ausgewanderte Substanz
Tritt man einen Schritt zurück, so zeigt sich unter den vier Befunden ein einziges Muster — und die Ordnung, die es sichtbar macht, ist Deutung dieser Seite, nicht Gaedes Wort und nicht Lehrsatz. Im Bild dieser Seite trägt jede Weltanschauung ihre Substanz: dem Materialismus gehört der Körper, dem Mathematismus die Form, dem Rationalismus der Begriff. Die Mechanik beansprucht den Körper — sie will die Wissenschaft vom Stoff sein, vom Greifbaren, vom Gestalteten. Doch in ihren vier Grundworten arbeitet sie an ganz anderem Ort: die Masse als Verhältnis, die Kraft als Relation, die Energie als Bilanz, der Massenpunkt als null-dimensionale Figur. Was den Körper beansprucht, zahlt in Form und Begriff. Die Substanz wandert aus, ohne dass die Rechnung es merkt.
Ob dieser Auszug ein Verhängnis ist oder die reife Einsicht, dass die Welt aus Beziehungen gefügt ist — darüber geht der Streit, und er lässt sich nicht mit einem Satz schlichten. Doch es gibt einen, der die Mechanik ding- und relationstreu zu halten versucht, statt sie in Formeln aufzulösen: der Physiker André Koch Torres Assis. In seiner Relational Mechanics führt er Machs Prinzip als wirkliches Rechenprogramm durch — mit einem Kraftgesetz nach Art Wilhelm Webers — und leitet die hohle Wasserfläche in Newtons Eimer daraus her, dass Wasser und ferne Galaxien in Drehung zueinander stehen und einander anziehen. Ob dieses Programm trägt, ist offen und in der herrschenden Physik bestritten; das Bemerkenswerte ist, dass hier einer die relationale Deutung als Rechnung ernst nimmt, nicht als Parole.11
Am Ende hat sich jedes der vier Grundworte als Begriff gezeigt, nicht als greifbares Ding: die Masse als Verhältnis, die Kraft als Handlung ohne Bild, die Energie als Bilanz, der Massenpunkt als gestaltlose Figur. Auf jede lässt sich mit einem empirischen Grund, einer exakten Struktur, einem auflösbaren Satz antworten — und doch überlebt Gaedes Frage jede dieser Antworten. Am hartnäckigsten überlebt sie bei der Kraft, die durch alle Finger geglitten ist: bei Newton eine Handlung, bei Mach eine Relation zu den Sternen, bei Feynman ein materieller Ursprung ohne Bild. Wo also wohnt die Kraft? Das nächste Gebiet gibt ihr endlich einen Ort — das Feld —, und dort verschärft sich die Frage, statt sich zu beruhigen: ein Etwas, das den ganzen Raum erfüllt und überhaupt keine Gestalt hat.
Quellen
- Bill Gaede, im Original auf seinen veröffentlichten Seiten [direkt]: „A scientific theory absolutely requires a physical object“ aus „What is Science?“; „Force is not the baseball bat, but rather what the baseball bat does to a ball“ aus „Force“; die Mathematiker hätten „mathematicians don’t have the slightest clue what mass is“ („Mass“); „you cannot draw a picture of energy“ („Energy“). Die Formel „erst das Objekt zeigen“ fasst seinen Verfahrensschritt zusammen und ist eine Kennmarke dieser Reihe, kein wörtliches Zitat. Der Methodentext „The Rational Scientific Method“ (rationalsciencemethod.blogspot.com) stammt von „Mike H“, nicht von Gaede; keines der vier Zitate steht dort.
- Isaac Newton: Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica (1687), Definitiones (Def. I „Quantitas materiae … orta ex illius densitate et magnitudine conjunctim“; Def. III „potentia resistendi“; Def. IV „actio in corpus exercita“), Leges Motus (Lex II „Mutationem motus proportionalem esse vi motrici impressæ …“) und Scholium (absolute Zeit/Raum „absque relatione ad externum quodvis“, „similare & immobile“; Eimerversuch „figuram concavam induens“). Lateinischer Volltext: Gutenberg #28233 sowie robertoocca.net. Deutsche Wiedergaben: eigene Übersetzung aus dem Lateinischen. Dass Newton kein „F = ma“ schrieb, sondern die Impulsänderung, und dass die Gleichung erst im neunzehnten Jahrhundert mit dem zweiten Gesetz identifiziert wurde, nach „Newton’s Second Law and Physics Textbooks“, Foundations of Science (2025). Kirchhoffs Programm (Mechanik als Beschreibung, Kraft als Definition) nach seiner Vorlesungen über mathematische Physik: Mechanik (1876).
- Richard P. Feynman, Robert B. Leighton, Matthew Sands: The Feynman Lectures on Physics, Bd. I, Kap. 12 „Characteristics of Force“, Abschnitt 12–1 („definitions going in a circle“; „no prediction whatsoever can be made from a definition“; „some independent properties“; „a material origin, and this is not just a definition“).
- Ernst Mach: Die Mechanik in ihrer Entwickelung, historisch-kritisch dargestellt, 3. Aufl., Leipzig 1897 — relationale Massendefinition („Körper von gleicher Masse …“; „nur ein thatsächliches Verhältniss benannt“); die absolute Zeit als „müßiger ‚metaphysischer‘ Begriff“ (S. 218); der Eimerversuch gegen „die Masse der Erde und die übrigen Himmelskörper“ (S. 226 f.); die Newton’sche Unterscheidung als „Illusion“ (Anhang, S. 232 f.). Zitiert in der Orthographie der Ausgabe (OCR; offensichtliche Lesefehler stillschweigend berichtigt).
- Gleichheit von träger und schwerer Masse (Äquivalenzprinzip): Newtons Pendelversuche (Principia, Buch III); Roland von Eötvös’ Drehwaage (1889–1908); P. Touboul u. a. (MICROSCOPE), „MICROSCOPE Mission: Final Results of the Test of the Equivalence Principle“, Phys. Rev. Lett. 129, 121102 (2022) — η(Ti,Pt) = [−1,5 ± 2,3 ± 1,5]×10−15. „Koeffizienten, die man bequem in die Rechnung einführt“: Henri Poincaré, La Science et l’Hypothèse (1902), Kap. VI.
- Zum vis-viva-Streit: G. W. Leibniz, Brevis Demonstratio Erroris memorabilis Cartesii … (Acta Eruditorum 1686; m·v² statt m·v) und Specimen Dynamicum (1695, vis viva/vis mortua); die Erhaltung beider Grössen bei Jean le Rond d’Alembert, Traité de dynamique (1743). Ein wörtliches lateinisches Zitat aus der Brevis Demonstratio liess sich in dieser Umgebung nicht sichern (der Sachverhalt daher paraphrasiert). Begriffsgeschichte: Thomas Young prägte 1807 „energy“ in diesem Sinn; Gaspard-Gustave de Coriolis führte den Faktor ½ ein (1829); W. J. Rankine „potential energy“ (1853), William Thomson (Kelvin) „kinetic“.
- Emmy Noether, „Invariante Variationsprobleme“, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen (1918): Energie- und Impulserhaltung als Folgen der Zeit- bzw. Raum-Translations-Symmetrie — Lehrbuchgut.
- Euklid, Elemente I, Definition 1 („σημεῖόν ἐστιν, οὗ μέρος οὐθέν“ / „Ein Punkt ist das, was keinen Teil hat“). Gaedes Bezug auf das Null-Dimensionale als „structure-less structure“ (youstupidrelativist.com).
- Roger Joseph Boscovich: Theoria Philosophiae Naturalis redacta ad unicam legem virium in natura existentium (Wien 1758) — die puncta als unteilbare, ausdehnungslose Kraftpunkte. Volltitel wörtlich; die Beschreibung der puncta paraphrasiert nach wissenschaftshistorischen Darstellungen (ein wörtliches lateinisches Zitat wurde nicht gesichert).
- Zum Machschen Prinzip in der allgemeinen Relativitätstheorie: Albert Einstein prägte den Namen 1918 („Prinzipielles zur allgemeinen Relativitätstheorie“, Annalen der Physik); zur nur teilweisen Einlösung siehe die Diskussion um Vakuum- und rotierende Lösungen sowie den Lense-Thirring-Effekt (gemessen von Gravity Probe B, 2011). Der Streit um absoluten gegen relationalen Raum ist offen.
- André Koch Torres Assis: Relational Mechanics and Implementation of Mach’s Principle with Weber’s Gravitational Force, Apeiron, Montréal 2014 (zuerst Relational Mechanics, 1999) — Machs Prinzip als quantitatives Kraftprogramm; die konkave Wasserfläche in Newtons Eimer aus der gravitativen Wechselwirkung zwischen Wasser und fernen Galaxien in Relativdrehung. In der herrschenden Physik nicht anerkannt; hier über seine Sache eingeführt, nicht über seinen Ort.
Zur Arbeitsweise: Die lateinischen Newton-Stellen (Lex II, Def. I/III/IV, das Scholium zur absoluten Zeit und zum Raum, der Eimerversuch) sind im lateinischen Volltext der Principia nachgesehen; die deutschen Wiedergaben sind eigene Übersetzungen aus dem Lateinischen und als solche zu lesen (eine deutsche Normausgabe wurde nicht herangezogen; vor Drucklegung empfiehlt sich ein Faksimile-Abgleich der Wortstellung). Die deutschen Mach-Zitate stammen aus der dritten Auflage seiner Mechanik (1897), in der Orthographie der Ausgabe belassen (OCR; offensichtliche Lesefehler stillschweigend gegen den bekannten Wortlaut berichtigt). Die englischen Feynman-Zitate sind im Volltext der Lectures (Kap. 12) belegt; die englischen Gaede-Zitate auf seinen veröffentlichten Seiten. Das griechische Euklid-Zitat ist samt Umschrift angeführt. Als Fehlanzeigen ausgewiesen: ein wörtliches lateinisches Zitat aus Leibniz’ Brevis Demonstratio und aus Boscovichs Theoria liess sich nicht sichern — beide Stellen sind daher nur deutsch bzw. paraphrasiert wiedergegeben. Die Zahlenwerte zum Äquivalenzprinzip (MICROSCOPE 2022) und die Begriffsgeschichte der Energie (Young 1807, Coriolis, Rankine, Kelvin) stützen sich auf die genannten Sekundärquellen (snippet-basiert). Die Zuordnung der Substanzen zu den Weltanschauungen und die Rede von der „ausgewanderten Substanz“ sind Deutung dieser Seite, kein Lehrsatz. Geprüft ist durchweg die Sache, nicht die Person; Gaedes eigene Gegenlehre bleibt hier draussen.